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Kinder legen Gegenstände in die Zeitkapsel bei der Grundsteinlegung.

Von der Vision zur Grundsteinlegung. Eine Zwischenbilanz.

Im Sommer 2016 wurde die Idee für die HausWirtschaft geboren, im Mai 2022 findet die Grundsteinlegung statt. Eine lange Zeit, in der viel passiert ist. Was davon muss in meine Zwischenbilanz? Die Erfolge, die Meilensteine, die Höhenflüge, die Abstürze, die Wege, die Umwege? Als Journalistin weiß ich, dass in einem Artikel zumindest fünf Fragen zu beantworten sind: Wer? Wann? Wo? Wie? Warum? Also gut:

Wer ist die HausWirtschaft?

Wir sind eine Gruppe von derzeit rund 50 Erwachsenen, 25 Kindern und einigen Unternehmensmitgliedern. Vom Alter her sind wir gut gemischt: unser jüngstes Mitglied ist noch nicht mal ein, das älteste fast 70 Jahre alt. Familien ebenso wie Singles, viele Selbstständige, die ja schließlich unsere Zielgruppe sind, unterschiedliche Berufe von Gesundheit und Bildung über IT und Technik bis zu Architektur, Kreativ- und Kulturarbeit sowie Kommunikation und Beratung.

Mit dem Projekt haben wir uns große Ziele gesteckt, gleichzeitig haben wir auf dem langen Weg dahin eine pragmatische Vorgangsweise entwickelt. Bei all den Hürden, die wir unterwegs nehmen mussten und wohl auch noch vor uns haben, hat uns dieser Zugang sehr geholfen. Wie wahrscheinlich alle Baugruppen oder auch Unternehmen, die ein Leitbild erarbeiten, haben wir uns gefragt, was uns im Kern ausmacht und haben uns auf „lässig – pragmatisch – kooperativ – innovativ – vielfältig“ geeinigt. Als Gruppe weisen wir allerdings auch eine gewisse Homogenität auf, d.h. bei aller Vielfalt „ticken“ wir in manchen Dingen ganz ähnlich. Und das ist gut so! Anders wäre so ein gemeinsames Projekt auch gar nicht zu stemmen – ein Umstand, auf den unser Architekt Markus Zilker gerne hinweist, wenn in Diskussionen das Ziel der Diversität zu absolut gesetzt wird.

Was uns sonst noch charakterisiert: Wir schaffen Verbindungen, wir sind die mit dem UND. Arbeiten und wohnen. Selbstständig und gemeinsam. Urban und naturnah. Digital und analog. Soziokratisch und genossenschaftlich organisiert. Wir wollen ein leichteres Leben für Kleinunternehmer*innen und einen Mehrwert fürs Grätzl  – um jetzt nur ein paar Beispiele zu nennen.

Foto: Philipp Naderer-Puiu

Wann hat alles begonnen und wann hört es wieder auf?

Meine Beitrittserklärung trägt das Datum 22. Oktober 2018. Die Anfänge des Projekts reichen bis ins Jahr 2016 zurück und eine Handvoll der Leute von damals sind immer noch dabei. Im Sommer 2018 gibt es die Zusage vom Bauträger und einen Bauplatz, im Herbst desselben Jahres beginnt die partizipative Planung, 2019 gründen wir unsere Genossenschaft, die Gruppe wächst in mehreren Aufnahmerunden, Baustart ist am 1. Februar 2022, der Einzug ist für Herbst 2023 geplant. Damit endet dann die Planungs- und Bauphase – alles andere aber hört natürlich nicht auf, sondern geht erst richtig los!

Wo gibt es Stadt und Natur?

Das Nordbahnviertel im 2. Bezirk ist DER Ort in Wien, an dem ich gerne leben will. Es bietet vieles, was ich mir wünsche. Das lange Zeit brachliegende ehemalige Bahnhofsgelände hat sich zu einer reizvollen „Stadtwildnis“ und einem wertvollen Naturraum entwickelt und soll Teil einer Parklandschaft werden, wie es sie in Wien bisher nicht gibt. Die HausWirtschaft liegt direkt am Eingang zur Freien Mitte, wie der Park genannt wird. Gleichzeitig wünsche ich mir belebte Straßen und Plätze für spontane Treffen mit netten Leuten, Öffis vor der Haustüre, zu Fuß erreichbare Geschäfte und Lokale und ein gutes Kulturangebot in der Nähe. All das ist hier vorhanden bzw. im Entstehen, wie ich mittlerweile aus eigener Anschauung weiß. Und auch wir selbst als HausWirtschaft werden dazu einen essenziellen Beitrag leisten.

Foto: Luiza Puiu

Wie bringen wir das auf die Reihe?

Soziokratie und Partizipation sind üblicherweise die Grundpfeiler bei gemeinschaftlich entwickelten Bauprojekten. Bei uns kommt noch die Genossenschaft dazu. Wir haben zwar als Verein begonnen, für unsere geplante gemeinwohlorientierte wirtschaftliche Tätigkeit brauchen wir allerdings eine vernünftige rechtliche Basis. Der Genossenschaftsgedanke passt gut zu unserem Netzwerk von Kleinunternehmer*innen, wir weiten ihn auf die Kombination von arbeiten und wohnen aus.

Die Arbeit an dem Projekt ist unglaublich – in mehrfacher Hinsicht: es ist unfassbar viel, was wir da stemmen müssen und das über viele Jahre. Das Projekt ist komplex, mit vielen Playern, die aufgrund ihrer unterschiedlichen Rollen nicht von vorneherein dieselben Interessen verfolgen. Man kann gar nicht genug miteinander reden, ist eine wichtige Erkenntnis. Alles ist irgendwie neu – zumindest in dieser Dimension. Glücklicherweise sind wir einerseits gut aufgestellt mit vielen Qualifikationen in der Gruppe und einer erfahrenen Prozessbegleitung, andererseits naiv genug, die Umsetzung unserer Vision zu wagen.

Ebenso unglaublich finde ich, was ich in den letzten Jahren alles erlebt und gelernt habe. Das ist sehr bereichernd und kommt mir vor wie eine Art Studium mit vielen Praktika und – dank unseres Forschungsprojekts – sogar mit Studienreisen nach Zürich und Berlin. Das war 2019, gerade noch vor der Pandemie. Die hat uns natürlich zu schaffen gemacht. Die gemeinschaftliche Entwicklungsarbeit übersiedelte in den virtuellen Raum, das allerdings haben wir relativ locker und auf Anhieb hingekriegt, dank der E-Learning-Expertise in unseren Reihen. Trotzdem merken wir nach zwei Jahren, dass der Aufbau der Gemeinschaft gelitten hat. Die Arbeit lässt sich online schaffen, das gegenseitige Kennenlernen und Feiern kommt leider zu kurz.

Und nun der Ukraine-Krieg. Baustoffmangel gab es teils schon pandemiebedingt. Was kommt noch auf uns zu? Wir wissen es nicht.

Warum um Himmels Willen tu ich mir das an?

Warum willst du der HausWirtschaft beitreten? Diese Frage wird am Anfang allen Interessent*innen gestellt. Viele wollen einfach gemeinschaftlich und in guter Nachbarschaft leben. Gerade Kleinunternehmer*innen wünschen sich leistbare Arbeitsräume, die Möglichkeit Geräte und Infrastruktur zu teilen und ein belastbares Netzwerk. Sehr viele wollen mit ähnlich „tickenden“ Menschen gemeinsam etwas sozial und ökologisch Sinnvolles bewirken.

Foto: Luiza Puiu

Ich selbst wollte anfangs nur eine Wohnung in einem Baugruppenhaus im Nordbahnviertel. Allerdings habe ich das Konzept mit dem Wohnen und Arbeiten sehr schnell als höchst stimmig für mich erkannt. Bin ich doch bis auf die ersten Jahre mein ganzes berufliches Leben als Kommunikationsfachfrau und Journalistin selbstständig gewesen. Immer wieder wollte ich ein Gemeinschaftsbüro gründen. Es ist nichts draus geworden. Warum also nicht jetzt? Ich möchte ein aktives Leben führen, bin jetzt 60+ und habe noch viel vor.

Noch ein Grund für meine Begeisterung: Auf mich üben Pilotprojekte, wie es die HausWirtschaft eines ist, eine magische Anziehungskraft aus. Ich war immer gerne an Themen dran und bei Initiativen dabei, die etwas Neues voranbringen wollen: hab‘ mit 20 Jahren das erste Frauenhaus (für misshandelte Frauen) mitgegründet, war Ende der 80er Jahre beim WWF für die Öffentlichkeitsarbeit zuständig, als Natur- und Umweltschutz noch etwas für „grüne Spinner“ war und habe Anfang der 2000er Jahre in mehreren EU-Projekten Konzepte zur Ernährungsbildung für selbstbestimmte, mündige Esser*innen entwickelt, bevor das Thema in aller Munde war. Jetzt also ein Pilotprojekt für Nutzungsmischung im geförderten Wohnbau in der Stadt. Noch dazu gibt es mit OPENhauswirtschaft Begleitforschung, die systematische Reflexion ermöglicht und unsere Learnings sammelt und anderen zur Verfügung stellt. Beides ist super!

Ich habe also sehr bald Feuer gefangen und bin auch in meinem vierten Jahr mit Kopf, Herz, Hand und Bauch dabei. Für das gute Bauchgefühl sorgt übrigens in erster Linie die Gruppe, die sich hier gefunden hat. Denn darauf, auf die Menschen, kommt’s letztlich an. Was nicht ausschließt, dass ich – und sicher alle anderen auch – manchmal denke: Warum um Himmels Willen tu ich mir das an? Aber offensichtlich hat jede und jeder eine Antwort gefunden, die zum Weitermachen und Durchhalten motiviert hat. Immerhin können wir jetzt die Grundsteinlegung feiern!

Fazit mit Abendrot

Beim nächsten Projekt werden/würden wir mit Sicherheit einiges anders machen – aber trotzdem können wir stolz auf das sein, was wir geschafft haben. Während ich schreibe, baut sich vor mir ein unglaubliches Abendrot am Himmel auf. Ein gutes Zeichen! Ja, wir bauen in schwierigen Zeiten. Dennoch sind wir zuversichtlich: Das Haus wird gebaut, wir werden einziehen und dann? Dann geht es erst richtig los! Ich freu mich riesig auf unser gemeinsames Leben in diesem vielfältigen, schönen Haus! Und das obwohl ich von 90 m2 auf 50 m2 umziehen werde.

Der gesellschaftliche Nutzen unseres Projektes ist ohnehin unbestritten:  eine höchst zeitgemäße, urbane Mischung verschiedener Nutzungen – Arbeiten, Wohnen, Freizeit und Kultur – unter einem Dach, das ist ein zukunftstaugliches Konzept, das mehr und mehr das Stadtbild nicht nur in Wien bestimmen soll. Die HausWirtschaft ist ein wegweisendes Pilotprojekt dafür.